Scherben des Glücks


Scherben des Glücks von Autorin Cornelia Naumann
Ein historischer Roman über das Leben von Wilhelmine von Bayreuth, der Schwester Friedrichs des Großen.

zur Zeit leider vergriffen
Pressestimmen
belletristiktipps vom 2.9.2009
Vollständig nachzulesen
unter www.belletristiktipps.de/archives/202
"... ist Cornelia Naumann ein mitreißender, histor­ischer Roman gelungen. Die Geschichte nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Rokoko und das Leben an den Höfen in Berlin und Bayreuth. Die Schilderung der Atmosphäre lebt vor allem durch die präzise Sprache der Autorin und die detailgenaue Beschreibung der Verhältnisse ... So sollte ein historischer Roman sein."


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Gabriella Lorenz in der
Abendzeitung vom 27.6.2009
"Cornelia Naumanns Roman bleibt eng an den historischen Tatsachen, füllt sie aber mit dichterischer Freiheit und Fantasie. Aus dem Blickwinkel der Zofe Sophie, die den Geiger Benda heiratete, spiegelt er auch die miserablen sozialen Verhältnisse im 18. Jahrhundert und entwirft das Porträt einer aufgeklärten Künstlerpersönlichkeit, die im falschen höfischen Leben das richtige sucht."


Nürnberger Nachrichten vom 31.7.2009 Die untrennbare Verbindung von privaten Träumen und politischem Kalkül, welche das Leben Wilhelmines bestimmte, fasziniert die in München lebende Autorin Cornelia Naumann. Ihr Roman "Scherben des Glücks" ist eine ungewöhnlich sorgfältig recherchierte Biografie. Geschildert wird eine Frau mit durchaus problematischen Wesenszügen, ein Opfer familiärer und gesellschaftlicher Umstände, das persönliche Enttäuschungen durch künstlerische, aber auch politische Aktivitäten zu kompensieren versucht. In die Handlung eingebaute (meist fiktive) Nebenfiguren machen allerlei Defizite der Fürstin deutlich: ihre äußerst schwach entwickelten sozialen Empfindungen, ihre zwanghafte Fixierung auf äußere Attribute ihrer hochadeligen Abstammung.


Leseprobe








Scherben des Glücks von Autorin Cornelia Naumann















Scherben des Glücks von Autorin Cornelia Naumann























Scherben des Glücks von Autorin Cornelia Naumann
    Wilhelmine ahnte nichts von der frisch erblühten Feindschaft des Bruders. Sie erwachte ausgeschlafen, hungrig und voller Tatendrang, ahnungslos, daß ihre kleine Intrige gerade in den Strudel der großen Politik geriet.

Seit Langem hatte sie sich nicht mehr so gut gefühlt. Einmal im Leben müssen Pläne gelingen, dachte sie, das ist nur gerecht, zu oft bin ich das Opfer schwieriger Situation geworden. Gut gelaunt zog sie an der Schnur, um ein exorbitantes Frühstück zu be­stellen, zu dem sie Voltaire einlud.

„Glauben Sie, Frère Voltaire, daß die Materie denken kann?“, fragte sie übermütig, während sie ein noch warmes Croissant mit Aprikosenkonfitüre bestrich.

Voltaire goß frische Sahne in seinen Kaffee und meinte ernsthaft: „Wenn Sie von dieser Konfitüre sprechen, Madame, habe ich gewiße Zweifel. Dieses Insekt dagegen …“ Er verscheuchte eine zudringliche Wespe. „Dieses Insekt denkt jedenfalls darüber nach, wie es Ihnen die Konfitüre abspenstig machen kann.“

Wilhelmine lachte und hielt der Wespe freigiebig ihr Croissant hin. „Sie billigen bereits den Wespen Gedanken zu. Nun, immerhin verstehen diese Tiere, ihre Häuser aus Papier herzustellen – wenn sie auch nicht darauf schreiben können. Ich werde Sie jenem Autor empfehlen, der ein ganzes Buch der Behauptung widmete, Frauen seien keine denkenden Wesen!“

„Soeur Guillemette, wenn die Frauen nicht denken könnten, dann wäre gestern Nacht nichts geschehen“, sagte er, hob die Tasse an den Mund und sah sie über den Rand hinweg forschend an. Er hatte offenbar unwissend den Part des Hephaistos gespielt und das Netz über Aphrodite und ihren Galan geworfen. Wenn diese intelligente Fürstin ihre Hofdame kompro­mittierte, würde sie ihre Gründe haben. Frauen hatten immer geheime Gründe für ihre mysteriösen Handlungen, sie waren seinem Verstand nicht zugänglich, aber er respektierte sie.

Wilhelmine wollte über die Geschehnisse der ver­gangenen Nacht nicht sprechen.

„Sie meinen, alles entsprang dieser Materie hier?“ Sie wies auf ihr Herz. Er stellte seine Tasse ab, schüttelte den Kopf, sagte „Nein, dieser hier!“ und tippte sich an die Stirn. Sie schien zu überlegen. „Aber es muß eine Verbindung geben zwischen Herz und Geist, nicht wahr?“

Voltaire lächelte spöttisch. „Der göttliche Funke, Madame!“
Sie lachte, dann sagte sie bestimmt: „über den göttlichen Funken dulde ich keinen Spott. Aber ich lasse ihn auch nicht als Beweis gelten. Voltaire, ich glaube, ich habe das Thema für die Disputation für die Eröffnung der Universität im November gefunden: „Ob die Materie denken könne“ werde ich sie nennen. Was halten Sie davon?“

„Wenn Sie die Theologen vom Disput ausnehmen, könnte es intereßant werden.“

Voltaire bestrich ein Croissant fingerdick mit Butter. Wilhelmine lachte etwas unsicher. „Das meinen Sie nicht ernst, Frère Voltaire! Ich kann nicht eine gesamte Fakultät von der Disputation auschließen.“

„Von der Materie lehren die meisten, sie habe nur Ausdehnung und Dichte. Ich sage Ihnen ganz bescheiden: Sie ist noch Tausend anderer Eigenschaften fähig, die Sie nicht kennen, auch die Professoren nicht – und ich am allerwenigsten.“

„Eben deshalb dürfte es exorbitant wichtig sein, über dieses Thema zu forschen.“
„Genau, Madame. Aber die Religionen haben sich stets um zwei Angelpunkte bewegt: Ritus und Dogma. Wobei …“, er biß genußvoll in sein Croissant, „der Ritus zum großen Teil vom Klima abhängt, das Dogma nicht.“ Wilhelmine rührte ihre Schokolade auf und kicherte. „Um keine Dogmen hören zu müssen, würde ich sehr einfach verfahren: Die Herren Theologen dürfen disputieren, aber Gott ist nicht zugelassen.“

Voltaire lachte schallend. Der Esprit dieser Prinzessin war unbezahlbar.

„Wie wollen Sie das erreichen, Soeur Guillemette? Die Fenster verhängen? Die Glocken der Ablenkung halber läuten? Aber wird das allerhöchste Wesen sich davon abhalten lassen?“

„Keine Blasphemie, mein Bester“, grinste Wilhelmine, „sagten Sie nicht einmal: Während die Pedanten sich prügeln, triumphieren die Philosophen?“

„Die wahre Philosophie besteht darin, nicht weiter zu gehen als die Fackel der Physik leuchtet.“

„Genau! Ich werde die Herren Theologen zulassen, aber sie dürfen nicht mit Gott argumentieren, ich werde die Bibel nicht als Mittel der Beweisführung dulden.“

„Ich sehe und höre die Baireuther Pallas Athene“, rief Voltaire.

„Madame, ich wäre zu gern Zeuge bei dieser Dis­putation!“ ...

    ... An einem nebelfeuchten Morgen im Oktober stieg Voltaire fröstelnd in die Kutsche, eine zer­knautschte Fellkappe auf der voluminösen Allonge­perücke.

„Votre Altesse, ich bin Ihrem Bruder, dem gekrönten Orpheus, nach Baireuth gefolgt und habe Ihren Hof erlebt, an dem alle Freuden der Geselligkeit und alle guten Geister versammelt sind. Es gab Opern, Komödien, Jagden, Bälle und eine erlesene Küche. Muß der Mensch nicht vom Teufel besessen sein, wenn er am Rhein oder an der Donau sein Verderben sucht, statt das Leben hier so geruhsam dahinfließen zu lassen?“

Geruhsam! Sie hatte eine Kabale entfacht, die ihr den Gatten und die Freundin genommen hatte. Er aber hatte in ihre Seele geschaut, mit ihm hatte sie einen Freund gewonnen. Sie streckte die Arme aus: „Frère Voltaire, ich bedaure, wenn dieser beschauliche Ort Sie gelangweilt haben sollte!“

Er küßte sie auf beide Hände, kicherte und sagte: „Soeur Guillemette, bei Ihnen kann man alle Annehmlichkeiten eines Hofes ohne die Unbequemlichkeiten der großen Welt genießen. Sie verstehen schon, was ich meine. Leben Sie wohl, teuerste Freundin! Ich habe schon jetzt Sehnsucht nach den wundervollen Tagen mit Ihnen.“

Wilhelmine sah der Kutsche nach, die über die Königsallee fuhr.
Die Hufe der Pferde zerrissen den herbstlichen Bodennebel.
Irgendwann werden wir uns nicht mehr vor unserer eigenen Zurückgezogenheit retten können, dachte sie. Jeder ruiniert sich mit seinem kleinen Versailles. Die Heckengärten reichen nicht mehr, unwegsame Felsen müssen uns von unseren Höfen mit ihrer uner­träglichen Etikette abhalten. Die Spiegel werden blind, und mit ihnen der Glanz des Sonnenkönigs. Was ist ein Herrscher wert, der einen Voltaire aus dem Lande treibt? Die Zeit wird uns überrollen, wir sind nichts als überflüssiger Ballast. Die Schriften eines Voltaire aber, sie werden die Zeiten überdauern.

Mit weit heraushängender Zunge kam Folichon der Zweite zurück, der bellend die Kutsche verfolgt hatte. Eine späte Rose blühte vor den Felsen des aufge­schütteten Parnaß. Still war es auf der Eremitage, tief stand die Morgensonne hinter den Bergen und warf lange Schatten. Sie zog das Tuch enger um die Schultern.

„Gehen wir nach Hause, Folichon“, sagte sie zärtlich, „es wird Herbst.“