Liebe Trude von Autorin Cornelia Naumann
Liebe Trude

Stück über die Dichterin Gertrud Kolmar
1D, 1H, 1Dek.

U Teamtheater Tankstelle München 2003
in Kooperation mit der Bayerischen Landeszentrale für polit. Bildungsarbeit

Inhalt



Berlin Lichtenberg Epeko

Berlin-Lichtenberg, das Gelände der ehemaligen Epeko: hier waren deutsche Juden, Sinthi und aus­ländische Zwangsarbeiter beschäftigt. Gertrud Kolmar berichtet in Briefen von ihrer gesundheitsschädigenden und schlecht entlohnten Arbeit dort 1941 - 42.


Das Haus der Familie Chodziesner

Das Haus der Familie Chodziesner, in dem Gertrud Kolmar von 1923 bis zur Zwangsenteignung 1939 mit ihrem Vater lebte


Gedenktafel für Gertrud Kolmar

Fotos: Naumann 2003



Frau

Drei Personen begeben sich auf die Suche nach dem Leben einer Frau. Eine Schauspielerin, ein Musiker, ein Schauspieler. Sie finden Gedichte, Lebensspuren, Briefe. Gertrud Kolmars (1894– 1943) erster Gedichtband erscheint, zwar positiv rezensiert, aber weitgehend unbeachtet im Kriegsjahr 1917. Sie beginnt als Dolmetscherin und Erzieherin zu arbeiten. Unabhängig will sie sein, bis sie sich durch das Schreiben ernähren kann. Daß es Männer in ihrem Leben gab, wissen nur wenige. Unter Kuratel der Eltern ist an der Dreiundzwanzigjährigen ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen worden. Eine ledige Mutter wäre in der Familie Chodziesner ein Skandal gewesen.

Jüdin

Diese frühe psychische Misshandlung einer weiblichen Seele ist prägend für den weiteren Weg der Jüdin und Preußin. Sie geht ihn in jener Mischung aus demütiger Aufopferung und eiserner Selbstdisziplin. Gertruds Chance, sich zur anerkannten Dichterin zu entwickeln und ihr Leben unabhängig zu gestalten, wurde zunächst durch das eiserne Korsett des wilhelminischen Bürgertums verhindert. Als es sich durch die Weimarer Republik hätte lockern können, war es für sie schon zu spät. Sie schaut in den Spiegel, zu früh ist sie in der Sorge um andere alt geworden. Den Dolchstoß versetzte ihr die nationalsozialistische Diktatur.

Dichterin

„Ich bin eine Dichterin, ja, das weiß ich“, schreibt sie selbstbewußt. Beim Erscheinen ihres zweiten Lyrikbandes sind die Nazis bereits an der Macht. Der dritte Band, Die Frau und die Tiere, wird 1938 verboten und eingestampft. Die Geschwister flüchten in alle Welt, andere Familienmitglieder werden ermordet. Der Vater wird mit 81 Jahren nach Theresienstadt deportiert. Er stirbt im Februar 1943. Die Todesnachricht erreicht seine Tochter nicht mehr. Es ist zu spät für sie. Alle Grenzen sind zu.

Deutsche

Die Suchenden finden und spielen Bruchstücke einer weiblichen Biografie, die noch vom wilhelminischen Preußen geprägt wurde. Gertrud, die lieber eine gefährliche, sich nächtlich in Tiere verwandelnde Drude wäre, ist nur Trude, die liebe Tante, Tochter, Schwester. Aber sie hat den Raum der Dichterin, den Raum für sich allein.

Pressestimmen

Probenphotos Liebe Trude


Probenphotos Liebe Trude


Probenphotos Liebe Trude


Probenphotos Liebe Trude


Probenphotos Liebe Trude


Probenphotos Liebe Trude

Martina Maria Reichert und Robert Valentin Hofmann in der Uraufführung 2003.
Inszenierund Wolfgang Rommerskirchen, Bühne und Kostüme Frank Chamier.



„ ... Eingebettet in einen Erinnerungsmonolog von Kolmars Schwager entwickelt Cornelia Naumanns Collage aus Briefen, Gedichten und Spielszenen das spannende Psychogramm einer Gefährdeten und früh Emanzipierten. Nach einer unglücklichen Liebe, von den Eltern zur Abtreibung gezwungen, „gebärt sie fortan Gedichte“: expressiv metaphernreiche Wortkaskaden aus einem Zwischenreich von Bewußtsein und Traum.
Behutsam führt Regisseur Wolfgang Rommerskirchen seine Darsteller in einem silbernen Kubus mit sprechenden Requisiten in eine eindringliche Versuchsanordnung. Martina Maria Reichert wandelt mit unglaublicher Intensität durch alle Altersphasen und Seelenzustände und findet subtile Nuancen für eine Frau, die von allen Seiten zum Schweigen gebracht werden sollte.
Die männlichen Parts übernimmt Robert Valentin Hofmann mit spielerischer Leichtigkeit. Und Jost Heckers Cellophantasien öffnen Gefühlsräume, wo Worte versagen.“

TZ vom 20./21.9.2003




„Gertrud Kolmar (1894 –1943) ist nur wenigen Lyrikliebhabern ein Begriff, vielleicht, weil ihre Verse im Ton zu hochgestimmt, gleichzeitig zu dunkel und verstörend wirken mögen. Umso verdienstvoller, daß Cornelia Naumann mit dem Stück "Liebe Trude" an die Dichterin erinnert, stimmig umgesetzt bei der Uraufführung in der Teamtheater Tankstelle.
Eine rasch wechselnde Szenenfolge zeigt die wandlungsfähige Martina Maria Reichert als Gertrud Kolmar in den verschiedensten Lebenssituationen; eingebettet in eine Rahmenhandlung, in der man den Schwager (Robert Valentin Hofmann, souverän in allen Rollen) Jahre nach Kolmars Tod auf ein Gespräch mit dem möglichen Verleger warten sieht.
Der ständige Wechsel von Zeitebenen und Perspektiven ist unterhaltsam, ohne den tragischen Grundton vergessen zu lassen ...“

Süddeutsche Zeitung vom 25.9.2003




„Dieses exemplarische Schicksal Millionen jüdischer Frauen hat Cornelia Naumann nun in einer beein­druckenden Collage aus Gedichten, Briefen und Lebenszeugnissen von Gertrud Kolmar und historischen Dokumenten zu einem ebenso packenden wie höchst nachdenklich stimmenden Bühnenstück mit dem Titel „Liebe Trude“ zusammengefügt. In der sensiblen Regie von Wolfgang Rommerskirchen geriet die Uraufführung zu einer ungemein eindrucksvollen Lehrstunde über den Wahnsinn des Antisemitismus.
In einem spartanischen Bühnenbild (von Frank Chamier), das mit seinen Koffern und abgehängten Bildern von verhinderter Flucht und innerer und äußerer Gefangenschaft kündet, zeigt der Regisseur in albtraumhaften Szenen das ganze Pandämonium des NS-Rassenwahns in wenig spektakulärem, deswegen jedoch umso eindrucksvolleren Bildern auf. Während Robert Valentin Hofmann in die Rollen des Kolmar-Vaters und des Schwagers schlüpft, der Gertruds Manuskripte vor der Vernichtung rettet, zeigt Martina Maria Reichert nicht nur die Seelenqualen der Mutter, sondern auch alle Facetten der Gertrud Kolmar von der unbeschwerten Kindheit über die innere Zerrissenheit derDichterin bis zur Verzweiflung der Jüdin in Nazi-Deutschland bewegend auf. Dazu spielt Jost-H. Hecker vom renommierten Modern String Quartet Piécen von Michael Bauer auf dem Cello, die von Einsamkeit und Trauer, von Lebenslust und Hoffnungslosigkeit durchpulst sind.“

Donaukurier vom 24.9.2003
Leseprobe
 




ARZT:
Der ARZT wickelt Gertruds Porträt in Verbandsmull ein. Die Augen bleiben frei.

Na, Fräulein Trudchen ... wir wollen dem Herrn Papa doch und der Frau Mama keine Schande machen, was? Nein? Und dem feschen Herrn Offizier noch weniger!
Soll er sich eine Kugel in den Kopf jagen wegen einem unvorsichtigen jungen Ding, das ihn verführt hat? Den Dienst müßte er auf jeden Fall quittieren, das wissen Sie doch, Fräulein Trudchen !
Sie wollen doch seine Laufbahn nicht gerade jetzt gefährden, wo der Feind vor Deutschlands Grenzen steht! Donnerwetter, Sapperlot, ein tapferes vernünftiges Frauenzimmer! Tapfer müssen wir jetzt alle sein, der Krieg ist eine nationale Aufgabe. Auch für die Frauen, sagt unsere Kaiserin. Die Gattin des Herrn Leutnants weint sich die Augen aus dem Kopf, jetzt, wo er nach Frankreich abkommandiert ist! Soll sie noch einen Grund mehr zum Weinen bekommen? Nein? Na, ich wußte doch, daß das Fräulein Trude vernünftig ist. Und jetzt hören Sie dem alten Herrn Doktor mal gut zu, Fräuleinchen: Wo kein Kläger, da ist auch kein Richter. Niemand wird erfahren, daß wir einen Abort eingeleitet haben. Angst müssen Sie keine haben, wir machen das ganz regulär in der Praxis. Wir sind ja kein armes Mädchen, das sich einer Hexenküche ausliefern muß, was, Fräulein Trudchen!

Kopf hoch, für die Familie ist es das beste. Und ich verrate Ihnen was, im Vertrauen: Sie sind nicht das erste junge Ding, dem ein schneidiger Leutnant gefallen hat. Das Kind in die Welt setzen? Fräulein Trudchen ... Nehmen Sie das mit einem Glas Wasser. Schön brav schlucken! Det wird schon, sagte der alte Fritz, als ihm der Knopf riß! Haha! (Stellt das verbundene Porträt auf die Bank.)
So, Herr Chodziesner, ich habe Ihre Tochter überzeugt. Aber Ihre Frau sollte mit ihr zur Kur. Das Kind braucht keine Dichtkunst, es braucht einen Ehemann. Es ist ja völlig überspannt.

...
GERTRUD: Siehe, ich war eine von den 231.930 meines Volkes, die noch nicht vernichtet waren. Und ich war mutig und benutzte die Eisenbahn und fuhr zu meinem letzten Geliebten, dem grünlockigen Wassermann. Es war aber eine Zeit, in der ich verflucht war, denn der Bischof von Limburg schlug Haken an sein Kreuz und befand uns im zwanzigsten Jahrhundert schuldig des Gottesmordes. Siehe, Engel des Herrn, mein Vater gab ihnen sein Vermögen und seinen Beruf, und ich lieferte mein Radiogerät ab und verschenkte meine Hündin und zog in das was sie Judenhaus nannten. Und ich kündigte meine Zeitung und mein Theaterabonnement, versteckte meine Rilke-Gesamtausgabe und erledigte meine Einkäufe in arischen Geschäften zwischen 16 und 17 Uhr. Ich mied das Abteil mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“ und machte mich auf, ihn, den ich Herr des Feuers, Säurenreizer und Adept einer mir fremden Alchimie genannt, in seiner Heimatstadt zu besuchen. Er, mein Wassermann, mein Schwan, dessen sanfte Flügel mich an meinen vierzigsten Geburtstag gestreichelt hatten, an den algenhaften Flausch seiner Brust wollte ich mich werfen und ihn anflehen, mich vor meinen Feinden zu schützen. Denn die Feinde hatten sich angeschickt die Welt zu erobern und uns, das auserwählte Volk, zu vernichten ...
WENZEL: Amor fati, kennen Sie das? Liebe zum Schicksal. Er taugte nichts, aber das störte sie nicht. Sie war der Meinung, daß sie in der Liebe wie der König Midas sei, dem alles, was er berührte, in den Händen zu Gold ward; es ging auf gleich einer großen Sonne und vergoldete noch jeden Fleck, jede Pfütze. Es sei nicht wichtig, so sagte sie, was der tat, dem es sein Strahlen verdanke. Und das stimmt. Der Gedicht­zyklus „Welten“ verdankte diesem Nazi sein Ent­stehen, und er war so frei, viel freier als alles, was sie bisher geschrieben hatte.
...
Aber es gab 1940 keine Hand mehr.
Gertrud war 46 Jahre alt und hatte keine Hoffnung mehr.